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Second Life: digitaler Seniorenteller?

Second_life_internet_pro_weblog_iriSeit vierzehn Tagen bin ich jetzt Bewohner von Second Life. Zeit für eine kleine Zwischenbilanz.

Ich weiß jetzt, wie man ohne großen Aufwand Geld verdienen kann: man kann entweder auf Dance Pads 2-3 Linden $ pro 10 Minuten verdienen, wenn man das Glück hatte, ein freies Dance Pad zu ergattern, alternativ kann man mit einem virtuellen Besen einen allzeit sauberen Fußboden putzen (auch für L$ 2/10 Minuten), oder als Straßenmusiker mit Akustik- oder E-Gitarre auftreten, oder virtuelle Wände von virtuellen Graffitis befreien (wobei das Graffiti sich keinen Millimeter rührt, ein wenig erinnert das an Sisyphos), Plakate herumtragen oder auf virtuellen Campingdecken, -stühlen oder -bänken sitzen. Diese leichten Verdienstmöglichkeiten werden von Shop- und Casinobetreibern angeboten, die wissen, dass niemand in menschenleeren Hallen einkaufen oder spielen will.

Pink_pig Am witzigsten fand ich in dem Zusammenhang noch das kleine rosa Schwein, das in bester Eliza-Tradition mit einem chattet, wenn die campenden Avatare mal nicht dazu bereit sind. Das Geld ist aber nicht lebensnotwendig, wenn man sich nicht über sein Outfit definiert und nicht den Drang nach Landbesitz verspürt.

Außerdem gelernt: es gibt schwangere Frauen in Second Life, aber keine Kinder. Die haben ihr eigenes SL. Wenn man mal wirklich eines sichtet, ist es ein Erwachsener, der sich dann von anderen Erwachsenen adoptieren lässt und das virtuelle Kind spielt.

Auf der Suche nach dem Sinn des Ganzen half mir ein Vortrag von Peter Glaser beim HR weiter. Dort wird SL als "digitaler Seniorenteller" bezeichnet, weil es wie seinerzeit das Fax im Gegensatz zum Modem auch weniger technisch versierten Menschen Zugang zur elektronischen Kommunikation ermöglichen soll. Es scheint wirklich, wie auch im Vortrag erwähnt, eher wie ein Rückgriff auf die Kindheit: Spielen mit Barbie- und Ken-Puppen, die man an- und auszieht und denen man Puppenhäuser mit Puppenmöbeln einrichtet, in denen man aus Spielzeugtassen Spielzeugtee trinkt. Das zieht all diejenigen an, denen "echte" RPG's wie etwa World of Warcraft zu komplex sind. Kommunikation scheint hier eher nachrangig, in erster Linie wird der kindliche (oder kindische?) Spieltrieb befriedigt, ohne dass man ein schlechtes Gewissen haben muss, denn die digitale Barbiepuppe ist doch immer noch weit weniger peinlich als die analoge - jedenfalls für Menschen über 15. ;-)

Parallel wird SL immer noch als mögliche neue Businesswelt gehandelt - auch als digitaler Konferenzraum, oder digitale Messehalle. Das wird aber dann erst ernsthaft einsetzbar sein, wenn das System so stabil ist, dass man nicht mitten in einer wichtigen Besprechung mit dem Programm abstürzt, und selbst dann bleibt zu bezweifeln, ob sich das System durchsetzen wird. Videokonferenzen und Videotelefonie haben es schließlich auch nicht geschafft, f2f-Meetings überflüssig zu machen.

Geschrieben von Olivia Adler am 26. März 2007 in Weblife | Permalink

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Olivia Adler ist seit vierzehn Tagen Bewohnerin von Second Life und zieht im Internet Pro Weblog eine kleine Zwischenbilanz. Sie hat gelernt, wie man virtuell Geld verdient, aber auch, dass das eigentlich gar nicht notwendig ist. Außerdem gele... [Mehr erfahren]

verlinkt am 27.03.2007 10:41:58

Kommentare

Wie man dieser Tage lesen konnte, bräuchte Linden 1000 neue Server, damit SL endlich wieder stabil läuft. Und wenn die wirklich so wenig verdienen (angeblich nur 11 Mio. Dollar 2006), dann werden die kaum großartig in die Performance der Plattform investieren.

Kommentiert von: Hokuspokus | 27.03.2007 14:42:52

Mir ist irgendwie so gar nicht klar, warum sich immer mehr Blogger, Journalisten, Werauchimmers mit diesem SL beschäftigen. Habe selten eine so unattraktive Spielwiese gesehen, die so kräftig PR auf sich vereint. Na ja, muss da ja nich mitmachen...

Kommentiert von: Valentin | 28.03.2007 09:32:42

Valentin, es ist das gleiche wie mit jedem Hype-Thema (Eisbär Knut z. B. ;-) ): wenn rein zufällig zu einem bestimmten Punkt genug Leute darüber berichten, denken die anderen, sie müssen auch darüber berichten, weil ein Bedarf da ist, die Leser interessieren sich für das Thema, weil es ja offenbar angesagt ist, wollen mehr darüber wissen, und dann kommt eine Art Schneeballeffekt in Gang, der dann irgendwann von selbst wieder abflaut, genau wieder der Hype um Knutchen abflauen wird, wenn er nicht mehr so süß klein und knuddelig ist. Seit Oktober 2006 explodieren die Nutzerzahlen in SL, und deshalb ist es plötzlich spannend. YouTube ist ja z. B. auch ein Hype-Thema. Aber wir nehmen gerne Vorschläge über Themen entgegen, über die unsere Leser mehr wissen wollen - haben Sie ein spezielles Themengebiet, über das Sie gern mehr lesen würden und das Sie als unterrepräsentiert empfinden?

P.S.: Dass ich mich persönlich mit dem Thema so intensiv befasse, hat noch einen anderen Grund. Ich beobachte das Thema virtuelle Realität schon seit 1997 sehr aufmerksam (habe auch eine Website dazu: http://www.cafe-nirvana.de ) und interessiere mich dafür, inwieweit die virtuelle Realität als alternativer Lebensraum taugt. Das ist sozusagen mein Steckenpferd, insofern berichte ich natürlich sehr gerne über SL. Allerdings hat sich in den letzten 7 Jahren noch nichts wirklich Revolutionäres getan, daran ändert auch der SL-Hype nichts.

Kommentiert von: limone | 28.03.2007 19:42:29

Oh Mann, Liv! Ich wusste gar nicht, dass deine Cafe-Nirvana-Seite noch existiert. Oh, was hab ich da Nächte davorgehockt und gewartet, bis da irgendwas lädt!
Das ist wie eine Reise in die Vergangenheit. :o)

Kommentiert von: Jacqueline Pohl | 29.03.2007 08:11:22

LOL, war die Performance SO schlimm? Naja, die Daten hatten einen weiten Weg von USA...

Ich überlege noch, die Seite wieder ein bisschen zu beleben... vielleicht mit einem Virtual Worlds Blog, mal sehen.

Kommentiert von: limone | 29.03.2007 10:34:11


Zu Second Life:
Wie schon Schopenhauer meinte: es ist schon erstaunlich, dass den Leuten hier auf diesem Erdball nichts besseres einfällt als der jahrtausendealte Terror und das Volltrotteltum dieser Welt...
Leider haben die Leute als Vorbild immer nur die Hölle - denn zum Himmel fällt Ihnen ja nichts ein.

Und perfekte Vorbilder gibt es ja nicht mehr - und damit auch keine Welt voller perfekt ausgebildeter, perfekt selbstkontrollierter Wesen.

Stattdessen überall nur Kriminalität, Volltrottel, primitive und unsensible Arschlöcher, viel Lärm, viel Verschmutzung etc.

Merkt Euch das - Ihr, die Ihr keine Phantasie zu haben scheint und stattdessen einfach diese Welt verdoppelt...

Wie langweilig (weil Ihr Armseligen nichts anderes zu kennen scheint ...)!

Mary

Kommentiert von: mary | 14.04.2007 00:29:45

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